Ich packe meinen Koffer…

Photo by Daria Shevtsova on Pexels.com

Morgen früh geht es los: nach Nördlingen, endlich.

Eine Erinnerung an mein letztes Kofferpacken vor etwas über einem Jahr, als ich für ein Schreibstipendium ins herrliche Meran nach Italien aufgebrochen bin, voller Schreiblust, voller Wiedersehensfreue: ich liebe diesen Ort, die Schreibwohnung, den Blick auf die Berge, von denen einer tatsächlich „Mutspitz“ heißt.

An dem Abend, an dem ich nach neun Stunden Zugfahrt ankam, beschloss Italien den Lockdown. Statt wie geplant einen Monat blieb ich drei – ohne zu wissen, dass es drei werden würden, immer von Woche zu Woche mich hangelnd, die Zahlen verfolgend, notierend: den Tageshöchststand auf meinem Whiteboard. Allein in der Wohnung, ich kannte niemanden, Isolierhaft, zweimal die Woche zum Einkaufen in den Supermarkt um die Ecke, immer kontrolliert vom Straßenposten, Endzeitstimmung wie sonst in Filmen, bei denen ich die Augen verdrehe, was fehlte, war nur noch Musik von Hans Zimmer.

Als ich mutiger wurde, schlich ich mich nachts ein paar Mal (nicht oft) vor die Tür, in dunklen Klamotten und Kapuze überm Kopf, um die Straße auf und ab zu gehen (89 Schritte bis zur Ecke, dann Kehrtwende-Marsch). Ein Gefängnis mit blühenden Bougainvilleas, riesigen Koniferen und Vogelgezwitscher. Der Frühling ging ohne uns auf. Von meinem Balkon aus die anderen Balkone beobachtet, besonders gern das Pärchen in der Villa, das auf seiner Terrasse gemeinsam mit Kettle Bells trainierte, was mich einschüchterte, aber auch glücklich machte: da drüben, auf dem anderen Planeten, da lebten auch noch welche.

Jeden Morgen rief der Berg: komm rauf. Ich starrte hinüber zu ihm, er war so unerreichbar, er quälte mich. Komm nach Hause, rief auch meine Tochter. Ich starrte auf den Berg. Für eine Alpenüberquerung lag zu viel Schnee. Die Straßen waren dicht, der Zugverkehr eingestellt, ich durfte nicht weiter als 200 Meter von meiner Wohnung weg, es tut uns leid, sagte die Botschaft. Ich erinnere mich mit Beklemmung an die gespenstischen Straßen. Eine alte, knittrige Frau, die an ihrem Fenster stand und klatschte. Sie klatschte in eine leere Straße hinein. „Ich muss einfach klatschen“, rief sie mir zu und hörte sich nach Ertrinken an, „sonst wird einem so trüb ums Herz!“

Ich hätte heulen mögen. Wahrscheinlich hab ich’s auch getan.

Eine intensive Zeit war das. Mein Gemüt schnellte hoch und runter, ich musste – wie wohl alle – sämtliche Koordinaten neu sortieren und war erschrocken und beruhigt, wie wenige das waren und doch: wie viele. Mein Hirn ist mein Komplize. Es hat für mich die Schönheit abgespeichert. Den ersten Tag, an dem wir wieder spazieren durften. Sogar raus aus der Stadt. Ich spazierte sechs Stunden lang ohne stehenzubleiben, sog den Duft der Apfelbaumblätter ein, hörte das Toben, das Brausen, das Ungestüme des Wildbachs und spürte in jeder Faser zum ersten Mal körperlich: Freiheit.

Ich hatte eine Woche lang Muskelkater.

Nie wieder eingesperrt sein.

Die Angst schwingt mit bei diesem Aufbruch, obwohl ich kein ängstlicher Mensch bin oder sein will und versuche, so zu leben, als wären Gegenwart und Vergangenheit einander nicht bekannt. Deswegen packe ich ein: die Zuversicht. Das Wissen, dass meine Schwester, meine Mama, meine Freunde sich um meine Tochter kümmern werden, falls ein „Falls“ eintritt. Das muss reichen. Loslassen, für die Falls der Fallse.

Und warum nicht bei diesem Aufbruch die Bruchkante als Möglichkeit sehen, sich ins Reine zu setzen?

Am Theater hat eine Schauspielerin – sie war Russin und wunderschön – mal auf einer Probe erzählt, dass sie sich, bevor sie verreist, so lange auf ihren fertig gepackten Koffer setzt, bis sie absolut keine Erwartung mehr an die bevorstehende Reise hat. Sie macht sich zum weißen Blatt Papier. Und dann, hat sie erzählt, wäre es in ihrer Familie Tradition, als Letztes, bevor man die Tür öffnet, noch mal kurz in den Spiegel zu schauen. Nur auf einen Blick. So vergisst man nichts, hat sie behauptet und wir anderen haben es ihr irgendwie nicht so ganz geglaubt. Wahrscheinlich meinte sie: so vergisst man sich nicht.

Nichts erwarten, offen sein für jede Richtung – aber sich selbst dabei im Gepäck haben. Das Schwere unten, das Leichte oben. Ja. Das will ich.

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